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Europameister der Herzen

Nun ist der Spaß also vorbei. Ausgeschieden erneut im Halbfinale, wieder mal gegen „Angstgegner“ Italien. Was ich in solchen Momenten absolut nicht verstehen kann: Warum ist nach so einer Niederlage auf einmal alles wieder verkehrt? Auf einmal steht der Trainer zur Diskussion und alles, was die letzten 15 Spiele wunderbar war, hat keine Gültigkeit mehr. Sämtliche Medien, die gestern noch einen Kübel Häme und Spott über Italien ausgekippt haben, kommen heute mit Schuldzuweisungen und miserablen Schulnoten. So sehen schlechte Verlierer aus.

Italien war im gestrigen Spiel einfach sehr clever und abgebrüht und in der Chancenverwertung eiskalt. Sicher kann man vortrefflich über Taktik und Aufstellung des Teams diskutieren (was hier übrigens sehr gut gemacht wird). Podolski lieferte gestern eine schlechte Leistung ab und die rechte Seite war mit dem immer wieder in die Mitte ziehenden Kroos sehr verwaist und Boateng allein überfordert. Der stark kritisierte Gomez hatte sehr damit zu kämpfen, keine Zuspiele zu bekommen, insbesondere da nach dem Gegentor ohnehin der Faden verloren war. Eventuell sind die Spieler (insbesondere die des FC Bayern) momentan auch nicht gerade in einer mental starken Verfassung. Nach dem Gegentor war die starke Verunsicherung direkt spürbar.

Trotz allem hat mir diese Mannschaft sehr viel Spaß gemacht. Ich schaue dieser Elf sehr gerne zu, was früher definitiv nicht der Fall war. Ehrlich gesagt lebe ich lieber damit, im Halbfinale auszuscheiden, als wieder den ergebnisorientierten Rumpelfußball vergangener Tage sehen zu müssen. Ich habe lediglich den Eindruck, dass es im Team zu nett zugeht. Wenn der deutschen Elf etwas fehlt, dann sind das echte Typen, die eine Mannschaft antreiben, wachrütteln und für Reizpunkte sorgen. Früher haben das Typen gemacht wie Sammer, Matthäus oder Breitner. Schweinsteiger oder Lahm können das so sicher nicht, schon gar nicht wenn die Form wie bei Schweini derzeit nicht die beste ist.

Dicker Glückwunsch jedenfalls an das italienische Team, das ein wirklich gutes Turnier und zudem sehr ansehnlichen Fußball spielt. Und es ist natürlich wieder sehr traurig, dass der farbige Balotelli nach seinen Toren widerwärtig angefeindet wird. Klar provozierte er mit seinem Jubel. Damit reagierte er jedoch nicht auf das deutsche Team oder deren Fans, sondern auf die böse King-Kong-Karikatur in der Gazetto dello Sport. Und zum Schluss noch etwas: Die ganzen Erfolgs-Fans, die bei Siegen riesig aufdrehen und bei so einer Niederlage glauben der bessere Bundestrainer zu sein, können gerne zur Hölle fahren.

Ein Kommentar zu “Europameister der Herzen

  1. Kann ich alles so unterschreiben. Vor allem das „zur Hölle fahren“. Mit einer Einschränkung: zur WM vor zwei Jahren hat sich Schweinsteiger sehr gut in die Rolle des Team-Leaders reingefunden. Der kann das. Nur anscheinend leider nicht wenn man das Champions-League-Debakel noch im Hinterkopf hat. Vor allem Schweini und Kroos sind meiner Meinung nach weit hinter ihren Möglichkeiten geblieben. Aus Gründen. Schade.

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