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Die kaputte Keksdose

Es gibt Dinge im Leben, die sind einem besonders wichtig, liegen einem besonders am Herzen. Für andere wären sie vermutlich ohne jeden Wert, kitschiger Mist oder gar Normalität. Für Missy war so ein besonderer Gegenstand ihr alter Zuckerpott. Den hatte sie mal vor langer Zeit von ihrer inzwischen verstorbenen Großmutter geschenkt bekommen. Dieser Zuckerpott hat sie große Teile ihres Leben begleitet, viele Umzüge überstanden und hatte eine so wichtige, mit Geld nicht aufzuwiegende Bedeutung für sie. Und ich kann mich noch gut an den Tag erinnern. Eine Freundin von Junior war zu Besuch und beide waren in der Küche etwas trinken. Und da muss es dann irgendwie passiert sein: Der Deckel fiel runter und zerbrach in viele kleine Teile. Die Kinder waren so geschockt, dass sie nicht mal genau erklären konnten, was genau passiert war. Junior war geschockt, weil er um den Wert wusste, die Freundin brach lautstark in Tränen aus. Und Missy? Für Missy brach in dem Moment eine Welt zusammen. Ich kann es inzwischen gut nachvollziehen.

Ich hatte schon mal darüber geschrieben. Für mich hatte so eine Faszination immer Omas Keksdose. Die Kekse aus dieser Dose hatten stets einen besonderen Reiz und waren das Highlight eines jeden Tages. Doch wenn etwas so furchtbar lecker ist, dann macht man einen folgenschweren Fehler: Man steigert den Genuss immer mehr und irgendwann sind auch die leckersten Kekse nichts besonderes mehr. Eben weil man sie jeden Tag hat, sie Normalität geworden sind. Und genau dann weiß man deren Qualität nicht mehr richtig zu schätzen. So hatte ich jeden Tag meine Ration Kekse, die irgendwann nicht mehr so gut schmeckten wie noch vor einiger Zeit. Und genau dann geschah es, die Dose fiel mir runter und zerbrach. Und so stand ich vor den vielen kleinen Teilen der zerbrochenen Keksdose. Keine Dose – keine Kekse. Unendliche Schmerzen und Trauer. Und nun?

Den Wert einer Sache lernt man erst dann genau zu schätzen, wenn man sie a) nicht mehr hat oder sich b) damit auseinander setzen muss, was wohl wäre, wenn man sie nicht mehr hätte. Ich habe diese Erfahrung einmal in meinem Leben machen müssen. Damals habe ich erkannt, dass Gesundheit eben etwas ist, dass man erst zu schätzen weiß, wenn man einmal so richtig fies schlimm krank ist, einem der Sargdeckel zweimal aufs Gesicht gefallen ist bevor man dem Tod doch nochmals galant von der Schippe gesprungen ist. Und genau dann wird einem klar, wie wichtig einem diese eine Sache ist. Eben nicht so wichtig wie „Nach dem Pipi machen Hände waschen“ sondern eher so die Kategorie von „Springe nicht aus dem Flugzeug ohne Fallschirm!“. Doch was tut man, wenn man vor den Trümmern einer solchen Keksdose steht?

Der einfachste Weg wäre natürlich einfach in den nächsten Laden zu gehen und vom Grabbeltisch ein neues Modell zu kaufen. Doch das wäre nicht ansatzweise das gleiche. Die Magie wäre weg, die Kekse nichts besonderes mehr. Eben nur noch lieblose Massenware ohne jeglichen Wert. Und mal ehrlich: Würde Batman zu Fiat gehen und sich da ein neues Auto kaufen wenn sein Batmobil kaputt wäre? Würde Bayern München mich verpflichten, wenn sich Franck Ribéry die Beine bricht? Würde Tokio Hotel Heino verpflichten, wenn sich Bill irgendwelchen Solo-Projekten widmen würde? Natürlich nicht! Weil es nicht das gleiche wäre.

Also was nun tun? Ich werde es genau so tun, wie es Missy mit ihrem Zuckerpott auch gemacht hat. Ich werde die Teile alle einsammeln, sortieren und dann in filigraner Kleinarbeit sauber aneinander kleben. Und dann werden die Kekse auch wieder schmecken und das Leben hat wieder einen Sinn. So und nicht anders.

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