Skip to main content

Ein guter Vater sein, nur wie?

Vor etwa einem Jahr änderte sich mein Leben radikal, was vermutlich die größte Änderung in meinem Leben überhaupt war. Ich wurde „Stiefvater“. Ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen, da ich es eigentlich nicht mag und eher negative Gedanken damit verbinde. Dass man mit einem Partner zusammenzieht ist sicherlich nichts Außergewöhnliches, dass man damit zum Vater wird, hingegen schon. Denn im Gegensatz zum normalen „Vater-werden“, gibt es keine neunmonatige Vorbereitungszeit. Eine Minute bist du Single – und schwupps – schon bist du Familienoberhaupt. Es gibt kein langsames Hereinwachsen in diese Rolle. Sie ist von einem Augenzwinkern zum nächsten da.

Ich werde oft gefragt, wie das denn eigentlich so ist. Ob sich das nicht komisch anfühlt und was für Erfahrungen ich damit gemacht habe, insbesondere, da es so gut funktioniert hier. Immerhin ist Junior schon sieben Jahre alt und wir kommen mehr als nur sehr gut miteinander aus. Ganz ehrlich gesagt, hatte ich mir das vorab deutlich schwieriger vorgestellt. Dabei möchte ich betonen, dass ich mich nicht für einen Übervater halte, aber ich bin davon überzeugt, dass ich meine Sache inzwischen sehr gut mache. Das Geheimnis des Erfolges kann man dabei sicherlich in ein paar wichtige Punkte gliedern.

Autorität hat Grenzen, Liebe nicht

Gerade, wenn man neu in der Familie ist, hat die eigene Autorität überschaubare Grenzen. Wenn man überhaupt etwas zu sagen hat, dann ist diese Autorität von der Mutter entliehen. Oft habe ich argumentiert mit „Warte bis Mama wieder da ist“ oder „Mama will das aber nicht“. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern völlig normal am Anfang. Autorität ist etwas, das wachsen muss. Man bekommt sie nicht einfach geschenkt. Ich habe immer versucht, plausibel zu begründen, warum ich etwas bestimmtes will. Statt zu schreien hatte ich immer gute Argumente.

Tipps der Mama annehmen

Ich habe vorab tatsächlich einige Bücher zum Thema Erziehung gelesen und auch in einigen Foren gelesen. Ganz oft bin ich dabei darauf gestoßen, dass Väter bzw. Stiefväter an der Erziehung der Mama rummäkeln. Meiner Meinung nach ist dies ein großer Fehler. Schließlich haben Mama und Kind sich über Jahre engagiert und einen gemeinsamen Weg füreinander gefunden. Für viele mag dies falsch sein, es mag auch komisch sein, aber für Mama und Kind funktioniert es. Und da muss man sich entsprechend eingliedern.

Ein Team sein

Kinder haben es unheimlich schnell raus, Eltern gegeneinander auszuspielen. Es ist absolut nötig, sich mit der Mutter ständig auszutauschen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Ich halte normal nichts davon, sich gemeinsam gegen das Kind zu verbünden, da das Kind in der Regel sowieso in der schwächeren Position ist. Wenn das Kind aber selbst versucht, mit unfairen Mitteln zu agieren, dann ist eine gemeinsame Front durchaus hilfreich um zu zeigen „So funktioniert das hier auf keinen Fall“.

Zeit miteinander verbringen ohne Mama

Ich fand es wichtig, gleich zu Anfang so etwas wie einen Männertag einzuführen. So gab es die Möglichkeit, immer wieder mal etwas Zeit allein mit Junior zu verbringen und herauszufinden, was ihm wichtig ist, was ihn bewegt. Es war ein ganz wichtiger Schritt dahin, einen Weg zueinander zu finden.

Nichts erkaufen

Ein großer Fehler, den viele machen. Natürlich kann man sich Sympathie mit Geschenken erkaufen. Man erkauft sich aber auch gleichzeitig eine Erwartungshaltung. Irgendwann ist dann das Ende der Finanzen erreicht und die Sympathie verpufft wie Popcorn in einer heißen Pfanne. Außerdem wird diese Beziehung auf einem sehr bröckeligen Fundament gebaut, was nicht lange halten wird. Natürlich sind Geschenke erlaubt, aber nicht ständig und auch nicht in ungewöhnlich hohem Maße.

Nicht Vater sein wollen

Das Problem gab es bei Junior in der Form nicht unbedingt. Das trifft eher auf Familien zu, wo Kinder einen starken Bezug zum eigentlichen Vater haben. Aber auch ich habe nie verlangt, dass Junior Papa oder ähnliches zu mir sagt. Am einfachsten ist es, ein väterlicher Freund zu sein. Am Anfang ist die Autorität sowieso nicht da, sondern höchstens über die Mutter geliehen. Insofern muss man sich darauf beschränken, großer Kumpel, argumentativer Ratgeber. Eine ganz schlechte Option wäre es, über den Vater herzuziehen. Gerade bei einer gut funktionieren Beziehung zwischen Vater und Kind ist man als „Stiefvater“ im Nachteil.

Vater sein

OK, wir lassen uns nicht Papa nennen. Es gibt aber keinen Grund, warum wir nicht trotzdem wie einer handeln sollten. Man sollte immer daran denken, was einem als Kind selbst an den eigenen Eltern gestört hat und versuchen es anders bzw. besser zu machen. Dazu gehört es auch, ein gehöriges Stück Verantwortung zu übernehmen. Man sollte Kinder ernst nehmen, vieles in Ruhe erklären und einfach bei helfen, erwachsen zu werden. Und dabei muss man sich darüber im Klaren sein, dass es einem oft alles andere als gedankt wird.

Der richtige Umgangston

Ich finde nichts schlimmer, als mit Kindern anders zu reden als mit anderen Mitmenschen. Bei Junior benutze ich die selben Wörter wie mit meiner gesamten Umwelt. Wenn er etwas nicht versteht, dann wird das eben erklärt. Er ist ein Kind und nicht dumm. Er wird in wichtige Entscheidungen mit einbezogen und ist gleichberechtigter Gesprächspartner. Und wenn irgendwas nicht geht, dann kann er auch gerne die Gründe dafür erfahren. Auch Kinder dürfen erfahren, dass es nicht immer leicht ist und das Leben viele Zwänge bereit hält.

Zuhören

Bei allen wichtigen Angelegenheiten habe ich mich mit Junior zusammen gesetzt und ihm aufmerksam zugehört. Es ging dabei oft um die Rollenverteilung in der Familie und was er davon hält. Oft hilft es auch, vieles mal eher aus einer kindlichen Perspektive heraus zu sehen. Kinder erfassen Dinge aus einem viel einfacheren Blickwinkel. Und wenn man oft selbst mal nicht so recht weiter weiß, dann haben Kinder oft eine erstaunliche Lösung parat.

Verzeihen

Ein schwieriger Grat ist die richtige Mischung aus Konsequenz und verzeihen. Kinder sind oft schwierig, launisch, undankbar oder auch einfach mal nur schlecht gelaunt. Ganz so wie man es eben auch selbst ist. Und da muss man einfach auch nur mal darüber hinweg schauen können. Dabei ist es auch immer hilfreich, daran zurück zu denken, wie man selbst als Kind war. Manchmal muss man einfach mal nur innerlich schmunzeln und verzeihen können. Und man muss sich auch selbst verzeihen können. Für alle Fehler, die man so macht. Und man wird einige machen, das ist ganz natürlich.

Vieles kommt aus diesem sehr lesenswerten Artikel bei Lifehack, den ich gestern entdeckte und der mich dazu veranlasste, selbst mal intensiv darüber nachzudenken, wie das hier bei uns ist.

3 Kommentare zu “Ein guter Vater sein, nur wie?

  1. Toller Eintrag! Vielleicht sogar der Beste bisher, auch wenn ich nicht darin vorkomme. Immerhin ist ein „Stiefvater“-Vorteil, dass dein Kind keine Gene von dir mitbekommen hat. Und das meine ich nicht negativ, wie es vielleicht im ersten Moment klingt. Hat z.B. dein eigen Fleisch und Blut einige deiner negativen Eigenschaften mitbekommen, ärgerst du dich doppelt darüber. Zumindest mir geht es so, denn du musst dich nicht nur über eine störende Eigenschaft ärgern, sondern auch noch darüber, dass du diese mit in die Wiege gelegt hast.
    Wie dem auch sei – große Zweifel hatte ich nicht, dass du ein guter Papa sein wirst, denn du hast ein wirklich gutes Einfühlungsvermögen und es wurde meiner Meinung nach Zeit, dass dein Leben Zuwachs bekommt. Also nochmal: Daumen hoch und weiter so.

  2. Schöner Artikel.
    Und von mir als „Profi“ lass dir gesagt sein: Alles sehr schön und gut beschrieben und vor allen Dingen ein toller Leitfaden. Ich bin fest davon überzeugt, das du das ganz klasse machst.
    Und um es mit Sharbes Worten zu sagen “ Daumen hoch und weiter so !“

  3. Ich glaube, ich kann ohne Scham sagen, dass du deinen Familienjob zumindest, was den Kleinen betrifft, sehr gut umsetzt. Vielleicht auf dem einzigen Weg, der möglich ist.

    Manche Kinder wünschen sich so einen wie dich und der Kleine kann stolz sein, dich als „Daddy“ (absichtlich nicht Vater) zu haben.

Kommentar verfassen