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Die andere Seite des Tisches, oder wie ich vom Feind zum Freund wurde

Vor Kurzem war es soweit. Juniors Lehrerin hatte zum ersten Elternabend eingeladen. Nach nicht mal einer Woche Schule sollten die Elternvertreter sowie die Konferenz-Beisitzer gewählt werden. Und so saß ich also seit Urzeiten das erste Mal wieder auf einer Schulbank. Ich sah Juniors Platz, wo er täglich Zahlen und “Mu” schreibt. Den Fu, den ich noch kannte, gibt es leider nicht mehr. Das erinnert mich daran, dass es Zeit für eine “Rettet Fu”-Aktion wäre, aber ich schweife ab.

Aus dem Blickwinkel eines Elternteiles verliert so eine Lehrkraft irgendwie jeglichen Schrecken. Schon die Gesprächsebene ist eine ganz andere, geradezu freundlich geprägt. Ich bin nicht mehr der Störenfried von einst sondern jemand, dessen Stimme wichtig ist. Halleluja. Ich genieße das. Übrigens waren von 23 anwesenden Personen nur sechs männlich. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Elternabend in einer Grundschule der perfekte Platz ist, um Frauen aufzureißen. Natürlich nur, wenn man Single ist. Ich musste den letzten Satz schreiben, weil die Missy in der Nähe ist.

Es ist schon schrecklich interessant, wie Kinder heute das Schreiben lernen und wie viel Aufwand betrieben wird, damit die Kids auch wirklich gerne in die Schule kommen. Früher hatte das Ganze noch den kargen Charme einer Justiz Vollzugs Anstalt. Inzwischen ist das eher wie ein cooles Ferienlager. Da wird vor Beginn des Unterrichtes noch ein wenig gechilled bevor ein gemeinsames Frühstück abgefeiert wird und Getränke im Klassenraum gereicht werden. Aber das ist bei 24 Kindern wohl auch bitter nötig, damit die Stimmung nicht in Chaos umschlägt.

Bei der Sammlung der potenziellen Kandidaten für die Wahlen kam dann die längst vergangene Schüchternheit wieder auf. Niemand fühlte sich angesprochen, der aufmunternde Blick der Lehrerin änderte nur wenig daran. Ich rutschte so tief in meinem Stuhl runter, wie zuletzt in den seligen Lateinstunden, in die ich immer so unvorbereitet ging, wie eine Jungfrau in der ersten Sexnacht. Und dann wurde gewählt. Fast wie bei der Kommunalwahl mit Schriftführer und Wahlleiter und kleinen Zetteln, auf die unter vorgehaltener Hand Namen geschrieben wurden.

Und kaum war die Wahl zu Ende, wurde die Veranstaltung auch schon wieder aufgelöst. Hier ließ sich wieder wunderschön erkennen, wie ausgeprägt die Eigenschaft Neugier beim weiblichen Geschlecht ist. Die in der Schule zurück gelassenen Hefte der eigenen Kids wurden auf das genaueste untersucht. Kaum war das erledigt, hatte die aufkommende Hektik wirklich etwas von Schulschluss. So schnell wie möglich ab nach Hause.

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