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König Fussball

Kumpel Olaf schreibt sich seine Sportverdrossenheit von der Seele. Ich persönlich interessiere mich für einige Sportarten als Zuschauer (Fussball, American Football), aktiv bevorzuge ich gelegentliches Joggen. Ich kann viele seiner Beweggründe durchaus nachvollziehen. Ich persönlich kann als Zuschauer weder mit Formel 1 noch mit der Tour de France und sämtlichen Wintersportarten etwas anfangen. Aber mit Fussball kenne ich mich definitiv aus und kann hoffentlich ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

Deutschland besteht aus ca. 90 Millionen Bundestrainern. Das liegt am großen allgemeinen Interesse an Fussball innerhalb der Bevölkerung. Als Kind hat jeder Mal ein paar Bälle über den Rasen gebolzt. Nun kann man ohne Zweifel sagen, dass man es besser machen sollte bevor man motzt. Aber das wäre ein klassisches Todschlagargument, das man immer anbringen kann. Muss ich selbst erst in die Politik gehen um das Handeln eines George W. Bush falsch zu finden? Muss ich selbst Soldat sein um einen Krieg als Fehler einzuschätzen? Darf ich als Unbeteiligter alles nur gut finden oder eben meinen Mund halten? Ich denke nicht. Ich denke es reicht aus, sich über etwas zu informieren um sich ein Urteil bilden zu können.

Von der Weltmeisterschaft 2006 zu sprechen zeugt eher von Wunschdenken als von einer realistischen Herangehensweise. Aber wir haben ja schon 2002 gesehen, wie man mit ein wenig Glück in einem Turnier Großes erreichen kann. Dazu kommt dieses Jahr der so wichtige Heimvorteil. Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist nicht mehr eine so dominierende Kraft, wie sie es 1990 noch war. Damals spielte die halbe Nationalmannschaft in der italienischen Seria A und war europaweit angesehen. Im Finale 1990 wurde Argentinien von der ersten bis zur letzten Minute an die Wand gespielt. Ich kann mich noch gut an Franz Beckenbauers Aussage damals erinnern, dass man mit den neuen Fußballern aus dem Osten auf Jahre hinaus unschlagbar sei.

Doch was passierte? Das genaue Gegenteil. Man ruhte sich auf seinen Lorbeeren aus, während andere Länder frische Jugendkonzepte umsetzten. Frankreich ist hier ein gutes Beispiel, auch England und die Niederlande haben hier gute Arbeit geleistet. Deutschland wurde in der FIFA-Weltrangliste kürzlich von der Fußballgroßmacht Iran überholt. Das in einem Land, wo Fussball immer noch Lieblingssport Nummer 1 ist, kann man getrost als Katastrophe bezeichnen. Aufgrund der teilweise dünnen Finanzdecke und des nicht einschätzbaren Risikos werden junge Talente bis auf wenige Ausnahmen eher nicht eingesetzt. Es sei denn ein Verein ist aus der Not daraus gezwungen, wie der VfB Stuttgart unter Magath oder aktuell der 1. FC Kaiserslautern.

Warum lästern so viele an Klinsmann rum? Das liegt schon in seiner Vita begründet. Klinsmann war schon als Spieler eher ein Einzelgänger, scheute die Medien und war vor allem auf seinen Vorteil bedacht. Seit Amtsantritt setzte er viele über Jahre etablierte Kräfte vor die Tür. So lange man damit erfolgreich ist, geht das gut. Sobald die ersten Niederlagen kommen wird das Ganze schnell ein Bumerang. Ein Nationaltrainer arbeitet nicht jeden Tag mit den Spielern, aber er sollte sie wenigstens regelmäßig beobachten können. Das kann man schlecht, wenn man auf einem anderen Kontinent lebt. Das ist aber sicherlich nicht Klinsmanns Fehler, sondern eher der des DFB. Die wussten schließlich schon bei Vertragsunterzeichnung, wo das wunderschöne Florida liegt.

Warum wird immer der Trainer entlassen? Bei Vereinsmannschaften ist das ganz einfach zu erklären: Er ist das schwächste Glied in der Kette. Spieler haben langfristige Verträge. Wenn man diese kündigt, bekommen die Spieler eine Abfindung und können sofort ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln. Da sie ablösefrei sind, handeln sie an dieser Stelle noch ein üppiges Handgeld aus. Etwas besseres könnte einem Fussballer kaum passieren. Fussball besteht zu einem großen Teil nicht nur aus reinem Können, vieles ist Tagesform, Motivation, Psyche. Und da ist der Trainer eben ein ganz wichtiger Teil. Ist ein Trainer lange tätig schleicht sich irgendwann Monotonie ein. Da kann ein neuer Trainer neue Impulse setzen, neu motivieren und Kräfte freisetzen. Muss einem ein entlassener Trainer Leid tun? Sicherlich nicht, diese bekommen ja bis Vertragsende ihr Gehalt weiter oder eben eine vorher festgelegte Ablöse.

Natürlich gibt es sehr vieles, was da falsch läuft. Wie in allen anderen Bereichen ist die Berichterstattung völlig schwarz/weiß ausgerichtet. Das ist beim Sport nicht anders als bei Politik und Showbusiness. Gewinnst du bist du der Held, verlierst du bist du der Arsch der Nation. Man erinnere sich nur an Roder Georg Hackl. Eine beispiellose Karriere gespickt mit Goldmedaillen. Und nur weil er bei den letzten Olympischen Spielen kein Gold holte wurde er im Interview angegangen als hätte er während der Fahrt den nackten Arsch in die Kamera gehalten. Aber hier bestimmt letztlich der Leser, was er gereicht bekommen möchte. Wer eine ausgewogene Berichterstattung bevorzug sollte entsprechende Medien unterstützen und den Rest im Laden liegen lassen.

Trotz aller Wettskandale und Gurkenspiele der Nationalmannschaft. Ich mag Fussball immer noch sehr gerne. Das Spiel ist leicht verständlich und die Regeln werden einem mit der Muttermilch quasi eingeflößt. Es ist extrem emotional und fesselnd. Freud und Leid liegen so dicht nebeneinander. Man erinnere sich nur an das packende Saisonfinale zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München, das erst in der Nachspielzeit entschieden wurde und sich Schalke schon mehrere Minuten als Meister feierte. Und irgendwie hat doch alles mit diesem Wunder in Bern angefangen. Ich könnte mir vorstellen, dass ein neuerlicher Weltmeistertitel wieder ein Zeichen sein könnte. Wobei dies im Jahre 2006 noch deutlich schwieriger als 1954 sein dürfte.

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