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Sind wir nun Kanzler oder nicht?

Gestern Abend sahen wir zwei klare Sieger im Fernsehen, die sich beide auf peinlichste Weise als Sieger feierten, obwohl doch die Fakten glasklar auf dem Tisch liegen. Die CDU/CSU war unter besten Voraussetzungen angetreten, einen Regierungswechsel herbeizubringen, der ja eigentlich vom Volk gewünscht war (so schien es) und von der Gegenseite durch die Vertrauensfrage erst möglich gemacht wurde. Durch eigene Unfähigkeit, dem Wähler das eigene Programm schlüssig verkaufen zu können, verspielte man dort den eigentlich sicheren Vorsprung.

Das Hauptproblem der CDU ist denke ich eine Frau an der Spitze, die niemand wirklich als Kanzlerin dieses Landes sehen will. Nicht, weil sie eine Frau ist oder weil sie aus dem Osten kommt, sondern weil sie einfach die schlechtere Wahl in den Augen vieler Leute ist. Man mag über Gerhard Schröder denken, was man will, aber er kann sich zumindest darstellen und versprüht dabei ein gewisses Charisma. Dies sah man gestern Abend sehr schön in der “Elefantenrunde” sah, wo sich Schröder zwar unter aller Sau benahm, aber Frau Merkel eben absolut hilflos aussah. Nach Schröders provokanten Aussagen schaute sie angeschlagen zum Fraktionskollegen Stoiber hinüber als wollte sie sagen “Ede, tu was, so darf der doch nicht mir reden, oder?”.

“Ede, tu was, so darf der doch nicht mir reden, oder?”

Wie Oliver Kahn es zu sagen pflegte, in solchen Situationen sind eben Eier gefragt, und die kann die CDU/CSU eben nur in die Waagschale werfen, wenn Frau Merkel dem Kollegen Stoiber in den Schritt fasst. Ist Schröder nun die bessere Wahl? Ich weiß es nicht. Die SPD hat zwar enorm aufgeholt, wenn man die bescheidene Ausgangslage betrachtet, aber eben auch ein katastrophales Ergebnis hingelegt und die Regierungsmehrheit zusammen mit den Grünen verloren. Da darf man sich durchaus fragen, welcher Teufel ihn geritten hat, gestern siegesgewiss davon auszugehen, dass es nur mit ihm als Kanzler weitergehen kann.

Auf jeden Fall wird es zähe und schwierige Verhandlungen geben. Jegliche Ampelkoalitionen kommen vermutlich nicht zum Tragen, da die jeweils kleinste beteiligte Partei schon weit ab des eigenen Programms operieren müsste. Kann man dies den eigenen Wählern zumuten ohne sein eigenes Gesicht zu verlieren? Bleibt eigentlich nur eine große Koalition, bei der im Moment beide aber den Kanzlerposten für sich beanspruchen. Wie man sehr schön sieht, haben beide Parteien sehr schnell wieder vergessen, dass es eigentlich um das Wohl des Volkes geht. Denn offenbar hat das Volk diese Situation so gewünscht und damit ist es Aufgabe der Parteien, das Beste daraus zu machen und eventl. auch mal die eigenen Interessen hinten anzustellen.

Es ist offenbar noch nicht im Kopfe der renommierten Parteien angekommen, dass es vielleicht nicht immer eine klare Regierungsmehrheit in einer Demokratie geben kann. Das ist ja eigentlich das Schöne an demokratischen Wahlen. Die schon vor der Wahl ausgesprochenen Koalitionsabsagen sollten daher eigentlich hinten anstehen. Natürlich will die FDP nicht mit den Grünen an einem Tisch sitzen, doch was bleibt angesichts der aktuellen Lage anderes übrig? Die Wunschvorstellungen der Parteien gab es nun mal nicht. Und das letzte, was das Land nun gebrauchen kann, wären nochmalige Neuwahlen. So nicht meine Damen und Herren. Sie haben sich die Suppe eingebrockt, nun löffeln sie diese bitte auch selbst aus. Um das zu können, muss man eben auch mal über seinen eigenen Schatten springen. Viel Glück dabei!

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