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Wir sprechen, Sie blechen

Wir sprechen, Sie blechenLetzte Woche wollte ich meinen eigenen Ohren nicht mehr trauen. Nach Jahren des Schweigens, welches auf Gegenseitigkeit beruhte, meldete sich eine Tante von mir telefonisch bei mir. Nach ein wenig Smalltalk kamen wir zum eigentlichen Grund des Gespräches. Sie hätte einen neuen Arbeitgeber, der sich damit beschäftigt, Geld zu sparen und möglichst zahlreich zu vermehren. So auf Kosten des Staates unter Ausnutzung sämtlicher legaler Schlupflöcher und natürlich kommt sie nur auf mich, weil sie den engsten Verwandten etwas Gutes tun möchte. Es ginge auf keinen Fall darum, einem etwas anzudrehen, anhören könnte man sich das ja schließlich. Sie weiß, dass ich selbst mal in der Versicherungsbranche gearbeitet habe und eigentlich alle Tricks kenne. Aber ich war nun so neugierig, was wirklich dahinter steckte, dass ich einen Termin vereinbarte, an dem auch meine Schwester (ihr Patenkind) teilnehmen sollte/konnte.

Denen werden Luftschlösser gebaut und das Blaue vom Himmel versprochen.

Gesternabend war es dann soweit. Pünktlich um 20 Uhr klingelte es an der Tür. Aufgrund der neuen Haarfarbe hatte ich kurzzeitig leichte Wiedererkennungsschwierigkeiten. Als alter Hase kenne ich das Problem, wie man nach der etwas längeren Aufwärmphase nun zum Kern des Gespräches kommt. Insofern halfen wir, indem wir einfach nachfragten, was es denn nun mit den Infos auf sich hat. Es kam, wie ich es befürchtet mir gedacht hatte. Sie arbeitet seit Kurzem für eine Vermögensberatung, die nach dem Schneeballsystem arbeitet. Bedeutet im Klartext: Bezahlung auf Provisionsbasis, Empfehlungen von Verwandten einsammeln und ganz oben wird richtig kassiert. Natürlich habe das Unternehmen, dessen Namen ich hier mal nicht nenne, sehr viele zufriedene Kunden in sehr vielen europäischen Ländern. Das Unternehmen sei unabhängig und könnte dadurch sehr gute Angebote machen. Während meines Toilettengangs googlete ich mal kurz, dass diese Unabhängigkeit bedeutet, dass ein großer deutscher Lebensversicherungskonzern Mehrheitsaktionär bei dieser Vermögensberatung ist. So viel zum Thema Unabhängigkeit. Die Lust zu überprüfen, ob die sonstigen Daten stimmen, hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits verloren.

Meine Schwester ließ brav alle Infos aufnehmen und wollte sich zum Thema Altersvorsorge informieren. Das ist prinzipiell ja auch nicht verkehrt, nur erschließt sich mir nicht ganz der Sinn, warum dazu eine Datenschutzklausel unterschrieben werden muss und demnach Daten gespeichert werden. Als ich fragend angeschaut wurde, bekräftigte ich sofort, dass ich mir das alles sehr gerne interessiert anhöre, aber keineswegs der Speicherung meiner Daten zustimme, auch wenn sie nur von meiner Tante eingesehen werden. Das bedeutet nicht, dass ich ihr da etwas Böses unterstelle, ganz im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass sie es wirklich gut meinte. Die eigentlich Bösen sind die, die diese Systeme etabliert haben und Leute verarschen, die sich redlich um Arbeit bemühen. Denen werden Luftschlösser gebaut und das Blaue vom Himmel versprochen. Sicherlich gehört auch eine gewisse Portion Naivität dazu, sich auf so etwas einzulassen. Wie kann man nach zwei Monaten ernsthaft Kunden zum Thema Altersvorsorge und Finanzdienstleistungen beraten, wenn man vorher nur rudimentär damit zu tun hatte? Die Seriosität solcher Unternehmen kann man problemlos als zweifelhaft unterstellen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, welche Angebote meiner Schwester beim nächsten Termin unterbreitet werden.

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