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Das Meer in Mir (The Sea Inside)

Das Meer in Mir (The Sea Inside)

Wie verzweifelt muss man sein, um sein eigenes Leben nicht mehr leben zu wollen? Eine Frage, die wohl extrem schwierig zu beantworten ist und auf die vermutlich auch jeder seine eigene Antwort hat. Letztlich wünschen sich die meisten aber vermutlich, in Würde zu sterben. Aber was tun, wenn einem diese Möglichkeit gar nicht mehr gegeben ist? Dieser Frage geht Alejandro Amenábar in seinem Oscar-prämierten Film Das Meer in Mir sehr einfühlsam nach. Der Film beruht auf Tatsachen und war der Renner im spanischen Kino.

Erzählt wird die Geschichte des Spaniers Ramón Sampredo (Javier Bardem), der als junger Mann einen schweren Badeunfall hatte. Bei einem Sprung ins Wasser brach er sich das Genick und war fortan vom Hals an abwärts gelähmt. 27 Jahre lang lebte er im Haus seines Bruders und verließ allenfalls zu Krankenhausbesuchen extrem selten sein Bett. Das einzige, was ihm geblieben ist, ist der Traum vom Meer. Sein größter Wunsch ist es, seinem Leben ein Ende zu machen. Ihm selbst ist dies nicht möglich, er ist auf fremde Hilfe angewiesen, die sich damit aber strafbar machen würden. So versucht er, bei Staat und Kirche Einsehen zu bekommen, schreibt zahlreiche Petitionen und Briefe und zieht vor Gericht. Dabei helfen ihm die Menschen, die ihn lieben. Da ist zum Beispiel seine Schwägerin Manuela (Mabel Rivera), die sich rührend um ihn kümmert. Eine Anwältin (Belén Rueda), die selbst durch eine degenerative Krankheit gezeichnet ist kämpft leidenschaftlich um Ramón. Eine junge Fabrikarbeiterin (Lola Dueñas ) versucht Ramón neuen Lebensmut zu geben, nachdem sie ihn in einer TV-Show gesehen hat. Und da ist auch noch die junge Gené (Clara Segura), die von einer Menschenrechtsorganisation für Humanes Sterben kommt.

Er hat wie er sagt gelernt, mit einem Lächeln zu weinen.

Ich war überrascht, wie einfühlsam und vorsichtig sich Regisseur Amenábar diesem sehr ernsten und schwierigen Thema gewidmet hat. Er schafft es in seinem Film sowohl das Pro als auch das Contra der Sterbehilfe zu zeigen. Er will auch zu keiner Zeit den Eindruck vermitteln, dass es generell darum geht, Sterbehilfe zu propagieren, denn es geht primär um den Fall von Ramón, der für sich dieses Leben nicht mehr als lebenswert erachtet. Und ich kann ihn zu großen Teilen verstehen. Vielleicht muss man dazu auch selbst einmal in dieser Lage gewesen zu sein. Den Verlust jeglicher Intimsphäre, die totale Abhängigkeit von anderen Menschen, die dies zwar gerne tun, denen man aber nicht zur Last fallen möchte. Wer sich auch nur mal kurzzeitig so gefühlt hat, der wird sich ansatzweise ausmalen können, wie schwierig so etwas auf lange Sicht sein muss.

Dabei wirkt die Figur des Ramóns keineswegs als schwer depressiv oder verzweifelt. Er hat wie er sagt gelernt, mit einem Lächeln zu weinen. Was anderes bleibt ihm auch nicht übrig, wenn er ständig Menschen um sich hat, die ihn lieben und die auch er liebt. Er fasziniert die Leute um sich rum durch seine Intelligenz, seinen Humor und letztlich seiner charismatischen Ausstrahlung. Und genau in diesen Momenten kann man verstehen, warum seine Lieben ihn nicht gehen lassen wollen. Aus purem Egoismus, zukünftig ohne diesen wundervollen Menschen auskommen zu müssen. Deutlich wird das, wenn der Vater von Ramón einen seiner äußerst raren Sätze spricht: „Es ist schlimm deinen Sohn sterben zu sehen, noch schlimmer ist es, wenn er es will.“ Wenn der engstirnige Geistliche der Familie von Ramón vorwirft, dass mangelnde Liebe Schuld daran sei, dass Ramón den Todeswunsch hat. In dem Moment in das Gesicht von Schwägerin Manuele zu blicken, für die diese Worte wie ein Schnitt ins Herz sind. In genau den Momenten möchte man am liebsten zu Ramón gehen und ihn aufhalten.

Getragen wird der Film durch seine glänzenden Darsteller, allen voran natürlich Javier Bardem als Ramón. Der Film beschränkt sich größtenteils auf das Krankenzimmer, insofern wird den Schauspielern auch alles abverlangt. Selten sehen wir in Träumen Ausflüge ans Meer, wo wir dann atemberaubende Bilder sehen, die kurzfristig Luft machen. Amenábar nutzt die räumliche Enge auch sehr geschickt für seinen Film. Schwenks ums Bett werden gerne benutzt und vermitteln das Gefühl, selbst Besucher im Zimmer von Ramón zu sein.

Mich hat der Film gerührt, mitgenommen aber auch teilweise amüsiert. Ich hatte zu keiner Zeit Mitleid mit Ramón, was sicherlich dem Regisseur zu verdanken ist, der auf unnötige Rührseligkeiten und erhobenen Zeigefinger verzichtet hat. Ein Dilemma zu sehen, wie die Justiz diesem Mann die Hilfe verweigerte und ihn nicht mal selbst zu Wort kommen ließ. So muss Ramón letztlich doch einen Weg gehen, den er so nicht gewollt hatte. Und letztlich ist es dann auch so, wie er es sich immer gewünscht hatte. Derjenige, der ihn wirklich liebt, wird ihn nicht nur verstehen, sondern ihm auch eine Hilfe sein.

Fazit: Bewegende Tragödie über ein kompliziertes Thema mit wundervollen Darstellern. Exzellent in Szene gesetzt.

Rating:

★★★★★★★★★☆

4 Kommentare zu “Das Meer in Mir (The Sea Inside)

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