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Haus aus Sand und Nebel (House of Sand and Fog)

Haus aus Sand und Nebel (House of Sand and Fog)

In Hollywood mag man es für gewöhnlich glasklar. Es wird gerne in schwarz und weiß gemalt. Auf der einen Seite stehen die Guten und auf der anderen Seite eben die Bösen. Das macht es aus dramaturgischer Sicht natürlich deutlich einfacher. Man nimmt den Zuschauer bei der Hand, lässt ihn für die gute Seite Partei ergreifen und die Bösen sind meist so stark überzeichnet, dass es ein Leichtes ist, einen gewissen Hass aufzubauen. So funktioniert ein Großteil der Film, nicht jedoch Haus aus Sand und Nebel. Ein Film, der zwar von vielen Konflikten lebt, aber nie – auch nur ansatzweise – Partei ergreift.

Kathy Lazaro (Jennifer Connelly) ist eine depressive Frau. Sie ist Ex-Alkoholikerin, ihr Mann hat sie verlassen, sie lebt allein in einem kleinen Haus an der kalifornischen Küste und verdient sich den Lebensunterhalt mit Putzjobs. Eines Morgens steht die Polizei vor der Tür und wirft sie aus der Wohnung, da sie angeblich 500 Dollar Gewerbesteuer nicht bezahlt hätte. Das Haus soll versteigert werden, schon am nächsten Tag. Dass sie nie ein Gewerbe hatte stört dabei niemanden. Während sie Rechtshilfe in Anspruch nimmt, kauft Ex-Colonel Massoud Behrani (Ben Kingsley) das Haus und zieht mit Frau (Shohreh Aghdashloo) und Sohn (Jonathan Ahdout) dort ein. Er hat das Haus zu einem Spottpreis bekommen und will es mit viel Gewinn verkaufen, um den eigenen Lebensstandard zu sichern und seinem Sohn eine gute Ausbildung zu sichern. Als Flüchtling aus dem Iran will er seiner Familie im fremden Land wenigstens ein gutes Leben ermöglichen und arbeitet gleich in mehreren Jobs hart dafür. Als dem Finanzamt der Fehler auffällt, will der neue Eigentümer das Haus zum ursprünglichen Preis nicht zurückgeben und so muss ein Prozess angestrengt werden, der mehrere Monate dauern würde, während Kathy auf der Straße steht. Es beginnt ein erbitterter Kampf ums Haus, der nicht immer fair ausgetragen wird. Unterstützt wird Kathy dabei durch Deputy Lester (Ron Eldard), der sich in Kathy verliebt hat und dafür Frau und Kinder verlassen will.

Der Film stellt viele Fragen zu Moral, Motiven und Überzeugungen.

Zugegeben, der Film lag mir am Ende dann doch schwer im Magen. Regie-Neuling Vadim Perelman aus Kiew, der auch gleichzeitig das Drehbuch geschrieben hat, muss man ein großes Lob aussprechen. Er behält immer eine gewisse Distanz und gibt nie Jemanden richtig die Schuld am gerade vorherrschenden Dilemma. Die Motive aller Personen sind nachvollziehbar, mit Ausnahme vielleicht von Deputy Lester. Er ist der Einzige, dem man vielleicht Vorwürfe machen kann, wenn er seine Position ausnutzt. Bei Kathy und Mr. Behrani ist es so, dass sie nicht immer das Richtige tun, man ihnen aber verzeihen kann, weil sie aus einer vollen Überzeugung heraus handeln, die man nicht nur nachvollziehen kann, sondern vermutlich in ähnlicher Situation auch ähnlich handeln wurde.

Der Film stellt viele Fragen zu Moral, Motiven und Überzeugungen. Auf der einen Seite steht die bemitleidenswerte Kathy, die so ungemein an diesem Haus hängt, das ihr Vater, von dem sie das Haus geerbt hat, sich vom Munde abgespart hat. Sie lügt ihrer Familie etwas vor, damit sich niemand Sorgen machen muss. Sie ist so verzweifelt, dass sie nachts vor dem Haus im Auto schläft und wenn man die fremden Leute in dem Haus sieht, dass zumindest moralisch ihr gehört, dann kann man ihren Schmerz auch nachvollziehen.

Auf der anderen Seite steht die Familie Behrani, angeführt von Massoud. Er hatte ein gutes Leben als Colonel im Iran unter dem Schah. Er hatte dort ein Haus am Strand und genau das ist es, was er jetzt wieder haben möchte, um sich heimisch zu fühlen, wenn er schon in ein fremdes Land flüchten muss. Er hat es sich mühsam erspart und dafür wirklich jeden ausgegebenen Cent in einem Buch vermerkt. Er arbeitet in zwei Jobs parallel, um seiner Familie ein Leben zu ermöglichen, dass eigentlich oberhalb der möglichen Verhältnisse liegt.

Der Film kann so nur funktionieren, da man fähige Darsteller verpflichtet hat. Ben Kinglsey, der zuletzt eher Rollen unter seinem Niveau angenommen hat, war seit Gandhi oder Der Tod und das Mädchen nicht mehr so gut. Er verkörpert einen Menschen, der eine gute, aber auch einer sehr böse Seite hat und dieses Wechselspiel versteht Kingsley perfekt. Er spricht in der Originalfassung auch einen wunderbaren, glaubhaften Dialekt. An seiner Seite sehen wir Shohreh Aghdashloo, die perfekt die treu-sorgende, warmherzige Ehefrau spielt. Beide waren 2004 für diese Rollen für einen Oscar nominiert und dies auch mit Recht. Jennifer Connelly ist ebenfalls die Idealbesetzung für den Part der angeschlagenen Kathy.

Dazu sehen wir of schwer melancholische Bilder, die perfekt zum Film passen. Wenn das Haus in Nebel gehüllt zu sehen ist und dazu die Oscar-nominierten Stücke von James Horner zu hören sind, dann wird einem schon schwermütig. Haus aus Sand und Nebel ist wahrlich keine leichte Kost und gibt auch keinerlei Wertung ab und das ist es, was dieses Film auszeichnet. Er regt zum Nachdenken an, ohne den Zeigefinger zu erheben. Und das ist heute leider selten zu finden in Hollywood.

Fazit: Perfekt besetzte Tragödie über die Kollision zweier Träume, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Rating:

★★★★★★★★☆☆

7 Kommentare zu “Haus aus Sand und Nebel (House of Sand and Fog)

  1. Achja, an dieser Stelle ein Danke an Kiriano/Stefan für die nette Empfehlung, hätte den Film sonst frühestens auf DVD gesehen, aber vermutlich nicht mal dort. Sollte öfter ins Programmkino gehen.

  2. Schönen bitt‘.
    Du hast mir ja auch schon ein paar Filme empfohlen, die ich sonst wahrscheinlich gar nicht gesehen hätte. Schade, dass der Film nur im Programmkino lief, dafür hätten sich sonst vielleicht noch mehr Leute interessiert.

  3. Ich habe den Film (leider) erst gestern gesehen.
    In meinen Augen viel zu spät, doch waren die Stimmen um den Film leise.
    Man hörte kein öffentliches Lob, keine große Werbung in den Medien.
    Wer nicht selbst immer strikt hinter jedem neuen Film war, übersah ihn einfach.
    So, wie ich.

    Als ich ihn nun gestern sah, war ich regelrecht überrumpelt.
    Ich saß vor dem PC und weinte Tränen, als hätte man mir gerade gesagt, dass ich ein Familienmitglied verloren haben.
    Es wurde geschluchzt, geheult und gezittert.
    Der erste Film, der solche Emotionen in mir hervorrief.

    Wunderbares Werk, das jeder einmal gesehen haben sollte.

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