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Sideways

Sideways

Wenn man am Ende des Jahres resümiert, welche Filme man geschaut hat, dann bleiben vor allem die in Erinnerung, die irgendwie besonders waren. Sideways sollte man gesehen haben, damit man wenigstens einen Film gesehen hat, an den man sich sehr gerne zurückerinnern kann. Bei meiner Oscar-Zusammenfassung beklagte ich mich noch darüber, dass Martin Scorsese seinen Oscar nicht bekam, die größere Ungerechtigkeit ist aber eigentlich, dass Paul Giamatti für seine Rolle in Sideways nicht mal nominiert war. Etwa gleich ärgerlich ist die Tatsache, dass Sideways völlig unzurecht in den deutschen Kinos untergeht. Aber die xte Comic-Umsetzung scheint beim breiten Publikum eben besser anzukommen.

Miles (Paul Giamatti) ist chronisch depressiv. Er hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, ist von seinem Job als Mittelschullehrer extrem genervt und seine Karriere als Autor will nicht so recht durchstarten, da niemand sein Buch „Der Tag nach Gestern“ veröffentlichen will. Jack (Thomas Haden Church) ist ein wenig erfolgreicher Schauspieler, der kurz vor der Eheschließung steht. Beide sind grundverschieden, sind aber seit Collegezeiten gute Freunde. In der Woche vor Jacks Hochzeit machen beide eine Reise durch die kalifornischen Weinanbaugebiete, allerdings aus unterschiedlichen Motiven. Jack will nochmal alles flach legen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und seinem Freund Miles ein wenig Sex verschaffen. Miles will entspannen, Wein genießen und sein Golf-Handicap verbessern. Dennoch lernen beide die Kellnerin Maya (Virginia Madson) und Stephanie (Sandra Oh) kennen. Während Supermacho Jack sofort in Vollkontakt mit Stephanie geht, wird es zwischen Miles und Maya richtig kompliziert.

Er braucht keine Worte, um auszudrücken, wie er sich fühlt.

Bei Sideways und mir war es Liebe auf den ersten Blick. Vielleicht liegt es daran, dass die ernste Komödie genau meinen Nerv getroffen hat. Selten zeigte ein Film ein ehrlicheres Bild davon, wie Männer eigentlich sind. In Jack und Miles sehe ich zwei Typen, die irgendwie zwei Seiten von mir selbst zeigen. Und das ist das faszinierende an diesem Film, da man – sofern man sich zu vergleichen traut – schonungslos und teilweise brutal ehrlich den Spiegel vor das eigene Gesicht gehalten bekommt. Der Film wirkt so ehrlich, was zu einem großen Teil auch an der Besetzung liegt. Die vier Hauptdarsteller sind nicht wie sonst in Hollywood-Produktionen üblich große Stars, die den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, sondern eben sprichwörtliche Durchschnittstypen, natürlich rein optisch gesprochen. Als Schauspieler liefern nämlich alle erstaunliche Leistungen ab, allen voran Paul Giamatti. Er braucht keine Worte, um auszudrücken, wie er sich fühlt. Man liest es in seinem ausdrucksstarken Gesicht ab.

Ein großes Kompliment muss ich Alexander Payne und Jim Taylor machen, die völlig verdient den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch mit nach Hause genommen haben. Das Script basiert auf dem gleichnamigen Roman von Rex Pickett und steckt voller Wortwitz und gut getimten Pointen. Sideways schafft es, Romantik rüber zu bringen, ohne kitschig zu sein oder sonst übliche Gesten zu gebrauchen. Sensationell der Monolog von Miles gegenüber Maya über die Pinot-Traube und warum er sie so gern mag. Er erzählt ihr, dass es ihre Haut sei, sie so verletztlich sei und sie sehr empfindlich auf Kälte und Hitze reagiere oder ob es zu kalt oder zu warm sei. Und wenn man ihm so zuhört, dann merkt man und Maya eben auch, dass er gar nicht wirklich über die Pinot-Trauber spricht, sondern eigentlich über sich selbst. Und das sind die ganz großen Szenen in Sideways, die man so schnell nicht vergessen wird und der Film steckt voll davon.

Sideways ist auch eine glänzende Komödie und ich wage mich so weit aus dem Fenster zu lehnen, wir werden dieses Jahr auch keine bessere mehr sehen. Selbst in den plattesten Szenen, wie der Nacktverfolgungsjagd, ist er nie so peinlich, wie es die versammelte Teenie-Komödien-Fraktion ist. Sideways ist erwachsener, ohne spießig zu sein. Und Sideways ist einfach ur-komisch. Immer wenn der Film melancholisch wird und ich die Vermutung hatte, dass es vielleicht in Richtung Drama geht, kamen die größen Lacher im Film und ich hatte vor Lachen Tränen in den Augen. Insofern war ich dann auch sehr traurig, als der Film nach knapp zwei Stunden auch schon zu Ende war, es hätte ruhig noch länger so weiter gehen können. Und auch das Ende passt hervorragend zu diesem Film. Einfach schön.

Fazit: In vino veritas. Ein simpler Film, der ein durch seine ehrliche, tiefsinnige und liebevolle Inszenierung abhebt und sich zur besten Komödie des Jahres macht.

Rating:

★★★★★★★★★☆