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Before Sunset

Before Sunset

Es gibt Bücher, die kann man nicht aufhören zu lesen. Wenn man ans Ende einer Seite angekommen ist, muss man einfach umblättern, um zu wissen, wie die Geschichte weitergeht. Wäre Before Sunset ein Buch, es wäre genau so eines. Wir erinnern uns, was im Vorgänger Before Sunrise 1993 passiert ist. Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) lernen sich im Zug kennen und verbringen einen wunderschönen Tag in Wien zusammen. Es ist das, was wir gemeinhin als Liebe auf den ersten Blick bezeichnen. Der Film endete damit, dass sich beide am Ende des Tages am Bahnsteig verabschieden und sich in genau sechs Monaten wieder sehen wollen in Wien.

Neun Jahre sind seit dem vergangen und Jesse hat die Story von damals in einem Roman verarbeitet und tingelt auf einer Lesetour durch die Metropolen Europas. In einem Buchladen in Paris trifft er dabei Celine wieder und beide nehmen die Unterhaltung wieder auf, die vor neun Jahren so abrupt endete. Sie haben nur wenig Zeit, Jesses Flieger zurück in die Staaten geht in wenigen Stunden. Doch beide haben sich so unheimlich viel zu erzählen.

What if you had a second chance with the one that got away heißt es auf dem Plakat zum Film und dabei hat der Film so unheimlich viel mehr zu bieten. Wir erfahren, warum aus dem geplanten Treffen nach sechs Monaten nichts geworden ist und was beide in der Zwischenzeit erlebt haben. Dabei fällt sofort auf, wie sympathisch beide Figuren wirken. Auf der einen Seite der hagere, smarte Amerikaner Jesse. Ihm gegenüber die spröde, charmante Französin Celine. Selten habe ich einen Film gesehen, wo ein vermeintliches Paar so gut zusammen gepasst hätte. Es ist einfach ein Traum zu sehen, wie die beiden harmonieren.

Es sind die kleinen Gesten die diesen Film so groß machen und ihm vom normalen Hollywood-Kitsch abheben.

Regisseur Linklater setzte bei seiner Erzählung auf lange Passagen, die ohne Schnitte auskommen mussten. So wirkt der Film so, als würde alles gerade wirklich passieren. Wenn beide durch Paris spazieren und miteinander reden, dann erscheint dies zu keiner Zeit künstlich oder gestellt, sondern immer lebendig. Sie spazieren durch kleine Gassen, sitzen in einem gemütlichen Cafe, wandeln durch Gärten und Parks, fahren auf der Seine und landen schließlich bei Celines Wohnung, die ebenfalls wunderschön verträumt aussieht.

Beide sind seit Before Sunrise älter geworden und inzwischen über 30 Jahre alt und daher verlaufen die Dialoge auch anders. Beide geben sich zunächst etwas vorsichtiger, ohne dabei verschlossen oder distanziert zu wirken. Verständlich, dass man nach neun Jahren erst die normalen Sachen erfragt. Was machst du, bist du verheiratet, was hast du die Zeit über getrieben? Und je länger die beiden reden, desto tiefer und vertrauter werden die Gespräche. Warum kam es nicht zum Treffen, vermissten sich die beiden? Wir lernen, wie selten es doch ist im Leben, dass man jemand findet, der einfach zu einem passt und beide vermitteln das Gefühl, dass sie die Chance ihres Lebens verpasst haben. Man spürt, wie beide einfach am liebsten die Uhr zurück drehen möchten, um genau in der Nacht wieder anzusetzen, in der sie sich damals getrennt haben.

Beide halten sich zurück, man merkt deutlich wie beide Angst davor haben, zu viel zu offenbaren, da sie nicht wissen, wie der jeweils andere wohl darauf reagieren wird. Es sind die kleinen Gesten die diesen Film so groß machen und ihm vom normalen Hollywood-Kitsch abheben. Wenn Jesse von seiner Ehe erzählt, die eigentlich eine Scheinehe ist, versucht Celine zögerlich den Arm um ihn zu legen, um ihn dann doch noch wegzuziehen, bevor er es sehen kann. Und bevor der Film dann zu einem Drama abdriftet wird es wieder humorvoll und Celine erklärt, dass es ihr nun besser geht, da es Jesse ja noch „beschissener“ gehen würde als ihr. Herrlich.

Trotz seiner langen Dialoge wird Before Sunset zu keiner Zeit langweilig, dazu sind die Gespräche einfach zu ausgefeilt und zu tiefgründig. Kein Wunder, denn die beiden Hauptdarsteller haben die Dialoge selbst geschrieben. Teilweise hatte ich das Gefühl, zwei Biographien vorgesetzt zu bekommen, die einfach nur interessant zu hören sind. Es kommt keine Langeweile auf, weil die Gespräche voller Gefühle stecken und auch pointiert sind. Beide spielen miteinander und man kann ihnen dabei einfach stundenlang zuhören. So endet der Film auch so unverhofft und unerwartet, dass es einfach nur schön ist und man kann Richard Linklater nur dafür danken, dass uns zum Ende der übliche Hollywood-Abgesang erspart bleibt und der Film einen schönen, zum Film passenden Schluss hat.

Fazit: Grandioses Sequel mit zwei überzeugenden Darstellern und herzerfrischenden Dialogen.

Rating:

★★★★★★★★★☆

4 Kommentare zu “Before Sunset

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